
Das Wochenende begann für die 17-jährige Melisa aus Pleidelsheim zunächst wie schon viele Wochenenden zuvor. Doch dann kam alles ganz anders. In dieser einen Nacht von Samstag auf Sonntag wachte Melisa auf und klagte über Kopfschmerzen, Sehstörung und Schwindel. Trotz Schmerzmittel wurden die Symptome nicht besser, sondern zunehmend schlimmer. Sie spürte, dass dies keine normalen Kopfschmerzen waren und so alarmierten die Eltern den Rettungsdienst, mit dem sie schließlich ins Bietigheimer Krankenhaus eingeliefert wurde. Nach eingehender Untersuchung erhielt Melissa die schockierende Diagnose einer Gehirnblutung. Was sich nun ereignete, war eine dramatische Geschichte, aber zum Glück mit einem Happy End.
Im RKH Krankenhaus Bietigheim-Vaihingen wurde sofort die Verlegung ins RKH Klinikum Ludwigsburg veranlasst, wo weitere, eingehende Untersuchungen durchgeführt wurden. Bald stand die Ursache der Gehirnblutung fest. Auslöser war eine angeborene, sehr komplexe Gefäßmissbildung. Eine solche Gefäßmissbildung kann lange Zeit unbemerkt bleiben und sich dann irgendwann durch epileptische Anfälle oder in wie bei Melisa durch eine akute Gehirnblutung bemerkbar machen. Die arterio-venöse Gefäßmissbildung lag tief an der Basis des Gehirns, gespeist von sehr kleinen Blutgefäßen, die sehr wichtige Bereiche des Gehirns, wie motorische Bahnen und die Sehbahn mit Blut versorgen. Die sehr schwer zugängliche Stelle bereitete den Spezialisten der Neurochirurgie, der Strahlentherapie und der Neuroradiologie große Sorgen. Sie haben alle Behandlungsmöglichkeiten abgewogen und mit den Eltern besprochen. Um das Risiko und die Folgen einer Operation am offenen Gehirn oder einer langwierigen Bestrahlung mit bleibenden Schäden bei Melisa zu vermeiden, entschieden sich die Experten für eine sehr schwierige minimal-invasive Behandlung auf dem Gefäßwege in zwei Etappen.
Bei einem ersten Eingriff, nämlich einer sogenannten Embolisation, sollte zunächst die Gefäßmissbildung verkleinert und die Gefahr einer Nachblutung verringert werden. Dabei wird über einen kleinen Schnitt in der Leiste ein hauchdünner Katheter eingeführt und durch das Gefäßsystem bis an die Stelle in der Gefäßmissbildung herangeführt, an der die Blutung stattfindet. Durch das Einbringen eines Flüssig-Klebstoffs konnte das betroffene Areal verschlossen werden. Schon nach kurzer Zeit bildete sich die Blutung zurück und es zeigte sich, dass es bei Melisa zu keinen nennenswerten neurologischen Defiziten wie beispielsweise Lähmungen, Sehstörungen oder anderen Ausfällen gekommen ist. Dennoch war Melisa, den Eltern und den Ärzten bewusst, dass es jederzeit wieder zu einer weiteren Blutung mit möglicherweise schwerwiegenderen Folgen kommen kann, wenn die Missbildung nicht durch einen weiteren, endgültigen Eingriff behandelt und verschlossen wird.
Danach folgte ein zweiter, sehr komplexer Katheter-Eingriff. Über die Arterie der Leiste wurde ein Katheter und über die Halsvene zwei sehr kleine und dünne Katheter bis zu dem von der Gefäßmissbildung betroffenen Gehirnbereich eingebracht. Über diese Katheter wurden dort die feinen blutzuführenden Arterien und gleichzeitig die blutrückführenden Venen mit einem speziellen Flüssigklebstoff und ultra-kleinen Platinspiralen verschlossen. „Das war ein sehr komplexer Eingriff, den wir zuvor in der Planungsphase mit einem weltweiten Experten, Prof. Dr. René Chapot aus Essen, besprochen haben. Es handelte sich immerhin um einen sehr seltenen Fall und eine sehr schwierige Behandlung“, sagte Prof. Dr. Meckel, der sehr glücklich darüber war, dass alles in einem Eingriff funktioniert hat, und solche Eingriffe an Gefäßmissbildungen des Gehirns bereits seit 2008 durchführt.
Die Möglichkeit dieser neuartigen simultanen Katheter-Technik, bei der man die Gefäßmissbildung sozusagen rückwärts „gegen des Blutstrom“ über die abführende Vene verschließt, gibt Patienten wie Melisa die Chance, Eingriffe bei tiefgelegenen Gefäßmissbildungen ohne größere Defizite zu überstehen. Durch eine gleichzeitige Behandlung über die Vene, im Gegensatz zur bisherigen Behandlung nur über die Arterien, kann sichergestellt werden, dass die Missbildung komplett verschlossen und wird wobei aber kleine, gesundes Gehirn versorgende Gefäße im Randbereich geschont werden. „Diese sehr neue Methode erfordert eine hohe Konzentration, da man zeitgleich mehrere Katheter bedienen muss. Mit den klassischen Methoden einer offenen Operation oder Bestrahlung hätte diese seltene Missbildung in dieser Lage im Gehirn kaum komplett und nur mit sehr hohem Risiko für größere Hirnschäden behandelt werden können“, so Meckel. Diese Methode wird in Deutschland in größerem Umfang nur im Alfried Krupp Krankenhaus in Essen von Prof. Dr. René Chapot, sowie an wenigen Universitätskliniken angewendet. Prof. Meckel führt die Möglichkeit dieses Eingriffs nicht nur auf manuelles Geschick und Erfahrung zurück, sondern auch auf die immense technologische Entwicklung in den letzten zehn Jahren. Ausschlaggebend seien auch neue, sehr kleine und flexible Katheter, neueartige Klebstoffe und Mikro-Spiralen und modernste, hochauflösende bildgebende Verfahren. Mit solchen minimal-invasiven, zum Teil hochkomplexen Katheter-Operationen gibt es in am Institut für diagnostische und interventionelle Neuroradiologie des RKH Klinikums in Ludwigsburg die Möglichkeit solche schwerwiegenden Gefäßerkrankungen des Gehirns schonend zu behandeln.
Inzwischen hat sich Melisa von den Strapazen des Eingriffs erholt und kehrt, unterstützt durch eine Rehabilitation, langsam wieder in ihren Schulalltag zurück: „Alle meine Freunde haben mich besucht und haben mir Kraft gegeben. Ich freue mich, wieder an der Schule teilnehmen zu können“. Auch die Eltern sind sehr froh, dass die Behandlung ihrer Tochter so gut verlaufen ist. „Es war sehr schwer, die Entscheidung für einen solchen schwierigen Eingriff zu treffen, aber wir sind froh und sehr dankbar, was Sie, lieber Professor Meckel, für uns getan haben. Wir werden es Ihnen ein Leben lang nicht vergessen“, so die überglücklichen Eltern.