Ein gesundes Gefäßsystem durchblutet alle Organe des menschlichen Körpers und versorgt sie mit Sauerstoff und Nährstoffen. Doch was ist, wenn dieser Transport stockt, weil die Gefäße zu eng oder ganz verschlossen sind oder die Elastizität der Gefäßwände nachlässt? Dann kann es zu schweren Erkrankungen kommen. In der Radiologie werden Gefäße sichtbar gemacht, um den Ursachen von Beschwerden auf die Spur zu kommen. Angiographie nennt sich das. Im Ludwigsburger Klinikum werden die Gefäße aber nicht nur sichtbar gemacht, sondern auch „repariert“. Um das zu ermöglichen, hat die RKH Gesundheit in eine hochmoderne Geräteausstattung investiert.
Der Ärztliche Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie, Privatdozent Dr. Wilhelm Kersjes, und der Ärztliche Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie, Professor Dr. Stephan Meckel, zeigen ihre neuen Arbeitsplätze in der Angiographie, in denen ein spezialisiertes Team tätig ist. Bildgebungsverfahren wie die Angiographie ermöglichen dabei den Blick auf kleinste Gefäße und problematische Bereiche. Etwa auf das Hirnaneurysma eines Patienten, das eigentlich nur wenige Millimeter groß, am Bildschirm aber mehrere Zentimeter groß und dreidimensional zu sehen ist. Ein Hirnaneurysma ist die beerenförmige Ausbuchtung einer Schlagader im oder nahe am Gehirn. Ein solches Aneurysma kann aber auch an anderen Stellen des Körpers entstehen, beispielsweise an der großen Bauchschlagader. Das Problem: Wenn ein Aneurysma reißt, löst es lebensgefährliche Blutungen aus. Neben regelmäßiger Beobachtung hilft manchmal nur die Intervention, also der Eingriff. Dann wird eine Spirale aus Platin in das Blutgefäß hineingeschoben und die Ausbuchtung aufgefüllt. Diese verhindert, dass das Aneurysma weiter durchblutet wird. Doch nicht nur solche Ausbuchtungen, sondern auch Gefäßengstellen erfordern dringend eine Behandlung. Die Aufgabe lautet dann, sie wieder durchgängig zu machen. Wichtig ist das laut Professor Meckel vor allem bei der Schlaganfallbehandlung, wo Blutgerinnsel Gefäße im Gehirn verstopfen, Hirnareale schädigen können und die betroffenen Gefäße mit Hilfe einer Lysetherapie schnellstmöglich wieder freigemacht werden müssen. Das Blutgerinnsel wird dabei dank feinster Katheter, die bis zur betroffenen Stelle im Gehirn gebracht werden, mit Hilfe von Medikamenten aufgelöst. Bei Gefäßverengungen ist ein Aufweiten durch das Einsetzen von Gefäßstützen mittels Katheter, auch Stents genannt, möglich. „Mit Hilfe der neuen Angiographieanlagen und dem deutlich verbesserten bildgebendem Verfahren können wir viel exakter und dosierter arbeiten. Das verbessert das Ergebnis und ist für die Patienten schonender“, sagt Professor Meckel. Die Eingriffe sind dabei minimalinvasiv, ersparen offene Gefäßoperationen und erfordern auch keine langen Krankenhausaufenthalte.
Eine weitere Facette der Arbeit stellt Dr. Kersjes am Beispiel eines schwer zu behandelnden Lebertumors vor, der über Blutgefäße versorgt wird. Diese können in der Angiographie nicht nur dargestellt, sondern auch durch das Einspritzen spezieller Kügelchen in die Gefäße über hauchdünne Katheter verschlossen werden. Embolisation nennt sich das. Der Blutfluss zum Tumor wird damit unterbunden und das Krebsgewebe somit regelrecht ausgehungert. Dabei werden gleichzeitig auch an die Kügelchen gebundene Zytostatika, also Medikamente für eine Chemotherapie, in die Gefäße direkt beim Tumor eingebracht. Damit kann laut Dr. Kersjes eine deutliche Verbesserung und Lebensverlängerung bei nicht heilbaren Krebserkrankungen erzielt werden. „Es ist ein Gewinn an Lebensqualität“, sagt er zu dieser Methode und nennt weitere Einsatzbereiche wie gutartige Wucherungen in der Gebärmutter (Myome) oder Prostatavergrößerungen bei älteren Männern. Ein weiteres Einsatzgebiet: Die Behandlung von Durchblutungsstörungen der Beinschlagadern, auch Schaufensterkrankheit genannt.
Rund drei Millionen Euro hat das Klinikum in die beiden Geräte für die radiologische und neuroradiologische Intervention und die notwendigen baulichen Maßnahmen investiert. Sie zeigen nach Einschätzung der beiden Chefärzte, dass Spezialisierung im klinischen Bereich eine immer größere Rolle spielt. Denn um selbst kleinste Blutgefäße in großer Auflösung sichtbar zu machen und behandeln zu können, braucht es profunde Kenntnisse und ein eingespieltes Team, das die Handhabung der Geräte, ihre Software und die Prozesse des gesamten Behandlungsprozesses beherrscht.